Dem Frieden der Welt zu dienen


Behandelte Aspekte: 11. September, Terror- und Kriegsgefahren, die NATO heute, Auslandseinsätze der Bundeswehr, deutsche Waffen und Rüstungsexporte - alles im Schatten der deutschen Geschichte und vor dem Hintergrund der Weltbevölkerungsexplosion




Teil I


Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Deutsche Volk reumütig eine neue Verfassung gegeben, "im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, seine nationale und staatliche Einheit zu wahren und als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen" (Präambel des Grundgesetzes).


[Die Ruine des Reichstages 1945 (Bild: bpk)]
Reichstag 1945 - Foto: bpk, s. auch ARD


Nach den gewaltigsten Schlachten der Weltgeschichte und schrecklichen Luftangriffen, die auch die Zivilbevölkerung nicht verschonten, ist das alte Europa kriegsmüde geworden. Doch in der jungen, übergroßen Weltbevölkerung gärt und brodelt es im Spannungsfeld zwischen alten Traditionen und modernen westlichen Einflüssen. Ein Hexenkessel, in den - spätestens seit dem 11. September 2001 - auch die Deutschen immer mehr hineingezogen werden.


Die arabischen Todespiloten, die an diesem "September 11th" oder "9/11" [siehe offizieller Report] die Türme des New Yorker World Trade Center in Schutt und Asche legten, hatten in Hamburg gelebt und studiert. Ihre unauffällige Wohnung lag in der Marienstraße 54, 1. Stock links (siehe Bild unten).

"Meine Opferung, mein Leben, mein Tod gehören Allah, dem Herrn der Welten", schrieb ihr Anführer Atta als Widmung in seine Diplomarbeit - 1999 an der Technischen Hochschule Hamburg-Harburg. Er war es, der später als erster mit einem entführten Passagier-Flugzeug das WTC angriff und den Nord-Tower in Brand setzte.

An der Elbe reifte heran, was 2001 Amerika und die Welt erschütterte.

             

Über den erst 23-jährigen zweiten Todespiloten Al-Shehhi, der den Süd-Turm des Welthandelszentrums anflog, als der Nord-Turm schon brannte (siehe Bild oben), sagte später ein Scheich der Vereinigten Arabischen Emirate dem amerikanischen Public Broadcasting Service: "He was a normal individual until he went to Germany. It seems when he went to Germany, he met these radical fanatics who have a very different understanding of Islam than we do" (PBS).

Mitglieder der Hamburger Terrorzelle, die den 11. September plante:

[Atta - Jarrah - Al-Shehhi (PBS)]
Atta – Jarrah – Al-Shehhi
aus Ägypten, Libanon und den Vereinigten Arabischen Emiraten,
Studenten der Fächer Stadtplanung - Flugzeugbau - Schiffbau

Jarrah steuerte ein Flugzeug, das - sei es durch den Widerstand der Passagiere oder einen Pilotenfehler - abstürzte, bevor es sein Ziel (vermutlich Weißes Haus, Camp David oder Kapitol) erreichte.

Ein viertes Flugzeug, das wahrscheinlich von dem Saudi Hanjour gesteuert wurde, traf das Pentagon, das amerikanische Verteidigungsministerium, und verursachte Gebäudeschäden und Todesopfer.

Außer den Opfern am Boden kamen in allen Fällen sämtliche Insassen der entführten Flugzeuge ums Leben, insgesamt rund 3000 Menschen. Unter den auf die vier Maschinen verteilten, insgesamt 19 Selbstmordattentätern (den Todespiloten und ihren Helfern), waren ein Ägypter, ein Libanese, und zwei Angehörige der Vereinigten Arabischen Emirate. Die übrigen 15 stammten aus Saudi-Arabien (vgl. Wikipedia: List of the hijackers).

Neben einer unklaren Rolle des Saudis Osama bin Laden gilt der Pakistani Khalid Scheich Mohammed als Chefplaner der Anschläge.

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Die Terroranschläge lösten zum ersten Mal in der Geschichte den Bündnisfall der NATO aus, die 1949 in Washington gegründet worden war und die 1955 (angesichts der gewaltigen Militärmacht der Sowjetunion und des Warschauer Pakts) nur zehn Jahre nach der Niederwerfung des Dritten Reichs auch die Bundesrepublik Deutschland in ihre Reihen aufgenommen hatte.

[Werbeplakat für die in die NATO integrierte Bundeswehr, um 1956]
Werbeplakat für die junge Bundeswehr
(Deutsches Historisches Museum:
Wiederbewaffnung)


Aber war der 11. September wirklich ein Fall für Artikel 5 des Nordatlantikvertrags - der "Bündnisfall"?

> Text des NATO-Vertrages ]

Anfangs war man sich gar nicht sicher, ob ein Terroranschlag mit einem entführten Passagierflugzeug, das in ein Gebäude gelenkt wird, als bewaffneter Angriff im Sinne von Artikel 5 anzusehen ist, und die USA hatten auch gar nicht darauf gedrängt. Diese Idee entstand vielmehr im NATO-Hauptquartier in Brüssel.

Dort herrschte nach den Anschlägen zunächst große Verwirrung. Man sah sich auch selbst durch weitere Anschläge unmittelbar bedroht und beschloss sogar eine teilweise Evakuierung der NATO-Zentrale, kein abwegiger Gedanke, wenn man an den Angriff auf das Pentagon denkt.

Die Inkraftsetzung von Artikel 5 schildert Edgar Buckley auf einer Webseite der NATO.

Demnach stand am Anfang eine Äußerung des kanadischen NATO-Botschafters gegenüber seinem US-amerikanischen Kollegen: "Zum Teufel, dies ist ein Bündnis. Wir haben ja Artikel 5".

Der Brite Buckley griff den Gedanken sofort auf. "Als beigeordneter NATO-Generalsekretär für Verteidigungsplanung und -operationen wusste ich, dass wir nun etwas zu tun hatten, auch wenn niemand uns darum gebeten hatte. (...) Über Terrorismus war bei der NATO bis zum damaligen Zeitpunkt fast noch gar nicht gesprochen worden. (...) Von keiner Hauptstadt waren richtungweisende Signale ausgegangen."

Als erstes suchte Buckley eine Abstimmung mit dem beigeordneten NATO-Generalsekretär für politische Angelegenheiten (dem Deutschen Günther Altenburg) im Beisein des Leiters des NATO-Zentrums für Massenvernichtungswaffen (dem Kanadier Ted Whiteside). "Die Diskussion war nützlich, führte aber nicht zu einem klaren Ergebnis."

Daraufhin rief Buckley seinen Stellvertreter (den Deutschen Holger Pfeiffer) sowie den Leiter des Direktorats für Verteidigungspolitik Steve Sturm (vermutlich US-Amerikaner) zu sich. "Wir bearbeiteten alle Fragen selbst. Wir gelangten übereinstimmend zu der Ansicht, dass es sich wirklich um einen bewaffneten Angriff gehandelt habe. Die Flugzeuge waren wie Raketen eingesetzt worden."

Entscheidende Kriterien für die Bewertung der Terroranschläge als "bewaffneter Angriff" (im Unterschied zum "normalen" Terrorismus wie z. B. in Nordirland) waren das Ausmaß und die Steuerung aus dem Ausland.

Nachdem der britische NATO-Generalsekretär Robertson den erarbeiteten Text für gut befunden hatte, holte man sich natürlich erst das Okay der US-Administration, d. h. letztlich des amerikanischen Präsidenten, bevor der NATO-Rat zusammentrat und einstimmig den Bündnisfall erklärte.

Ein transatlantischer Schulterschluss, der eigentlich mehr von den Europäern ausging als von den Amerikanern, in einer Zeit, in der auch der deutsche Bundeskanzler den USA noch "uneingeschränkte Solidarität" versprach. Die Amerikaner verstanden "unreserved solidarity", erfuhren aber später (im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg) einen mehr als reservierten Schröder.

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Schon kurz nach dem 11. September schlugen die USA in Afghanistan militärisch zurück - gegen Taliban und Al Kaida. Bereits am 7. Oktober begann die langwierige (über Afghanistan hinausgehende) "Operation Enduring Freedom", an der sich nach und nach viele Nationen beteiligten, Deutschland zeitweise sogar mit dem streng geheim operierenden Kommando Spezialkräfte.

Im Nov./Dez. 2001 fand auf dem Petersberg bei Bonn eine neuntägige Afghanistan-Konferenz unter Leitung der Vereinten Nationen statt, auf der über die Zukunft des Landes beraten wurde.

[Delegates at UN-sponsored talks in Germany on the future of Afghanistan (BBC 2001)]
Afghanistan-Konferenz 2001 - Foto: BBC

Unter anderem wurde die Entsendung einer internationalen Sicherheitsbeistandstruppe (ISAF) beschlossen. "Wenn die Vereinten Nationen Europa um einen Beitrag bitten, werden sich die Deutschen beteiligen", sagte Bundeskanzler Schröder. Bald darauf standen auch deutsche Soldaten am Hindukusch.

Der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr dauert an. Ihre Auslandseinsätze mehren sich. So übernahm z. B. die Marine im Rahmen von UNIFIL die Führung eines multinationalen Flottenverbandes zur Überwachung des Seegebiets vor der libanesischen Küste, nachdem der UN-Sicherheitsrat im August 2006 die Kampfhandlungen zwischen der israelischen Armee und der Hisbollah im israelisch-libanesischen Grenzgebiet als Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit bewertet hatte. Dabei geht der ältere Einsatz am Horn von Afrika im Rahmen von Enduring Freedom weiter.

Vor einigen Jahren noch völlig undenkbar, beschreibt die nach dem Ende des Kalten Krieges ganz neu strukturierte (aber auch stark verkleinerte) Bundeswehr die Rolle ihrer Eingreifkräfte wie folgt:
"Diese führen weltweit zu Lande, zu Wasser, in der Luft und im Informationsraum Operationen mit hoher Intensität durch. Darunter fallen sowohl Rettungs- und Evakuierungseinsätze als auch friedenserzwingende Maßnahmen ..."
(www.bundeswehr.de)

Künftig soll die Bundeswehr aus 250.000 Soldaten und Soldatinnen bestehen. Der größte Teil davon gehört zu den Unterstützungskräften (Logistik, Sanitätsdienst, Aufklärung usw.). Die bereits erwähnten Eingreifkräfte umfassen nur 35.000 Mann. 70.000 sind für die Stabilisierungskräfte vorgesehen, die "einem nur teilweise militärisch organisierten Gegner" mit "friedensstabilisierenden Maßnahmen" begegnen sollen. Ihre Personalstärke wird, wie es heißt, "den Einsatz von 14.000 Soldaten in bis zu fünf verschiedenen Einsatzgebieten gleichzeitig erlauben".

Vergessen wir jedoch nicht, dass wir heute in einer Welt leben, in der sich die Menschheit auf eine Zahl von sieben Milliarden zubewegt. Und dabei sind es oft ärmliche, von Krieg und Bürgerkrieg gezeichnete und doch sehr jugendliche Nationen, die den alternden Industrienationen Europas demographisch schnell über den Kopf wachsen.

Im laufenden Jahrzehnt ist selbst Deutschland (nach Russland das bevölkerungsreichste Land Europas) schon dreimal überholt worden: von Vietnam und den Philippinen sowie Äthiopien (ein Land, in dem jährlich mehr als drei Millionen Kinder geboren werden, obwohl über 80 % der Bevölkerung nicht einmal Zugang zu sauberem Trinkwasser haben - ein Projektschwerpunkt von Karl Heinz Böhms Äthiopienhilfe "Menschen für Menschen": Wasser).

Noch vor Ablauf des nächsten Jahrzehnts wird die Weltbevölkerung dreimal so groß sein wie bei Ende des Zweiten Weltkriegs.

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Im Inland sind wir nicht mehr sicher vor schweren Terroranschlägen, so wie 2004 in Madrid oder 2005 in London. Die Anschläge auf die Londoner U-Bahn und einen Bus bedeuteten "the British capital’s bloodiest day since World War II" (CNN).

Aber welche Auswirkungen hätten derartige Anschläge erst bei einem Einsatz von Massenvernichtungsmitteln nuklearer, chemischer oder biologischer Art? (Gerade in den nahe beisammen liegenden Ballungsräumen Nordwest-Europas von der Themse bis zum Rhein - eine der größten Bevölkerungskonzentrationen der industrialisierten Welt.)

Der französische Staatspräsident Chirac drohte im Januar 2006 mit Atomschlägen: "Die atomare Abschreckung ist nicht dazu bestimmt, fanatische Terroristen abzuschrecken. Doch die Führer von Staaten, die gegen uns auf terroristische Mittel zurückgreifen, sowie alle, die in der einen oder anderen Weise den Einsatz von Massenvernichtungswaffen erwägen, müssen verstehen, dass sie sich einer festen und angepassten Antwort unserer Seite aussetzen würden. Diese Antwort kann konventionell sein; sie kann auch anderer Natur sein" (Deutsche Welle).

Chirac bemerkte auch: "Unsere Welt wird vom Auftauchen von Machtansprüchen geprägt, die auf dem Besitz atomarer, biologischer oder chemischer Waffen beruhen. Daher die Versuchung gewisser Staaten, sich mit Atomwaffen auszustatten, und das unter Bruch der Verträge. Die Versuche mit ballistischen Raketen, deren Reichweite ständig steigt, nehmen überall in der Welt zu."

Auch im Pentagon hatte man bereits an einer neuen Verteidigungsdoktrin gearbeitet, die Atomangriffe gegen feindliche Staaten und Extremistengruppen vorsieht. In dem Entwurf des Joint Staff vom März 2005 [Doctrine for Joint Nuclear Operations, Final Coordination (2)] heißt es u. .a.: "Für eine größtmögliche Abschreckung gegen den Gebrauch von Massenvernichtungswaffen ist es unerlässlich, die US-Truppen auf den Gebrauch von Atomwaffen wirkungsvoll vorzubereiten und dass die US-Truppen zum Einsatz von Atomwaffen entschlossen sind, falls dies zur Vorbeugung oder zur Vergeltung eines Einsatzes von Massenvernichtungswaffen notwendig ist" (siehe AG Friedensforschung an der Uni Kassel).

Das umstrittene Dokument wurde inzwischen zwar gecancelt, aber Wikipedia meint dazu: "The decision to ’cancel‘ the documents simply removes controversial documents from the public domain and from the Pentagon‘s internal reading list. The White House and Pentagon guidance that directs the use of nuclear weapons remains unchanged by the cancellation."

Neben den fünf offiziellen, im Atomwaffensperrvertrag genannten Atommächten (USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China) gibt es noch ein paar faktische Nuklearmächte (Indien, Pakistan, Israel, Nordkorea). Dem Iran wird ein heimliches Kernwaffenprogramm vorgeworfen, obwohl er mit Unterzeichnung des Sperrvertrages auf Atomwaffen verzichtet hat.

Für einige Unterzeichnerstaaten besteht allerdings im Rahmen der NATO eine so genannte nukleare Teilhabe (nämlich für Deutschland, Niederlande, Belgien, Italien, Türkei). Auf deutschem Boden gelagerte amerikanische Atombomben könnten nach Freigabe durch den US-Präsidenten theoretisch auch von deutschen Jagdbombern (Tornados des in der Eifel stationierten JaboG 33) eingesetzt werden. Die Bomben vom Typ B-61 haben eine Sprengkraft von bis zu 170 Kilotonnen - mehr als das 13-fache der Bombe von Hiroschima 1945.

Dazu bemerkt das Berlin Information-center for Transatlantic Security im August 2005: "Seit dem Ende des Kalten Krieges haben die US-Nuklearwaffen in Europa vor allem eine politisch-psychologische Funktion. Sie sind ein Zeichen dafür, dass die NATO-Staaten diesseits und jenseits des Atlantiks sich unter keinen Umständen auseinanderdividieren lassen und die Risiken ebenso wie die Verantwortung gemeinsam tragen wollen, die mit Nuklearwaffen verbunden sind. (...) Politische Bestrebungen Washingtons, den Waffen neue Rollen bei der Abschreckung und Bekämpfung der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen zuzuweisen, sind bislang in der NATO nicht auf Gegenliebe gestoßen. Allerdings planen die USA ihre in Europa gelagerten Atomwaffen auf nationaler Ebene auch für Einsätze außerhalb des NATO-Gebietes, z. B. im Mittleren Osten mit ein" (BITS).

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Auch Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges steht also im Grunde alles bereit für einen neuen kalten oder heißen Weltkrieg. Neben dem viel beschworenen "War on Terror(ism)" sind auch Konflikte zwischen größeren Militärmächten immer noch denkbar.

(Siehe in diesem Zusammenhang auch Wikipedia: Liste der Streitkräfte der Welt, u. a. mit Angaben zur Truppenstärke.)

In ihrer oben erwähnten "Doctrine for Joint Nuclear Operations" vom März 2005 zitieren die amerikanischen Stabschefs den (deutschstämmigen) US-Verteidigungspolitiker Paul Nitze (1907-2004), der sich sowohl als "Falke" des Kalten Krieges wie auch als Abrüstungsunterhändler einen Namen gemacht hat:

"Who suspected Pearl Harbor would occur? Who suspected that Hitler would really be as dreadful as he turned out to be? You know, the worst possible case is generally worse than the imagination can imagine".

Der frühere Bundesminister Egon Bahr (der in der bundesdeutschen "Entspannungspolitik" gegenüber der Sowjetunion und dem Warschauer Pakt eine bedeutende Rolle gespielt hat) schreibt in seinem Aufsatz "Deutsche Sicherheitsinteressen im 21. Jahrhundert" (in: Sicherheit und Frieden, Ausgabe 1 - 2007):

"Zwischen dem Ostrand des Mittelmeers und dem Westrand des Pazifischen Ozeans ist ein brisanter Krisenbogen entstanden, in dem sich unterschiedliche regionale, nationale, geopolitische, religiöse und Rohstoff-Interessen verknüpfen. Machtverschiebungen sind im Gange, die sich der Berechenbarkeit entziehen, z. B. im Verhältnis der drei Giganten Amerika, China und Indien. Werden Indien und China zu einer grundsätzlich beschlossenen Zusammenarbeit finden, die Amerika als Stabilitätsfaktor in Asien reduziert? Wird das Verhältnis zwischen China und Amerika kooperativer oder konfrontativer werden? Wird Indien China in zehn bis 15 Jahren überholen, was Bevölkerungszahl und technologische Modernität angeht? Die Lage in diesem Spannungsbogen wird in voraussehbarer Zeit nicht stabil werden. Kriege, sogar atomare, sind nicht auszuschließen."

Eine indische Agni-II-Mittelstreckenrakete bei der Militärparade zum Nationalfeiertag 2004:

[Eine indische Agni-II-Mittelstreckenrakete bei der Militärparade zum Nationalfeiertag 2004
(Aufnahme: Antônio Milena/ABr)]
(Aufnahme: Antônio Milena/ABr, siehe auch Wikipedia)

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Der übervölkerte Indische Subkontinent mit den aus Britisch-Indien hervorgegangenen Staaten Indien, Pakistan und Bangladesch ist vor dem Hintergrund enormer sozialer Gegensätze und des alten islamisch-hinduistischen Religionskonflikts wohl ein besonders brisantes Pulverfass, nicht nur weil Indien und Pakistan Atommächte sind.

Nach den letzten Volkszählungen (2001) lebten allein in Bangladesch und den benachbarten indischen Bundesstaaten West Bengal und Bihar etwa so viele Menschen wie in den gesamten USA - auf einer Fläche, die etwas kleiner ist als Deutschland. 2010 wird dieses Gebiet am unteren Ganges, der in einem gewaltigen, höchst überschwemmungsgefährdeten Delta in den Golf von Bengalen mündet, mehr Einwohner haben als die sechs größten EU-Staaten zusammen: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien und Polen.

Wer diese Region auf der Weltkarte sucht, orientiere sich an der von Günter Grass einmal - sicherlich nicht gehässig, sondern eher mitleidig - als "Haufen Scheiße" bezeichneten, auch als Wirkungsstätte der verstorbenen Mutter Theresa bekannten westbengalischen Metropole Kalkutta.

Gleichwohl ist Indien schon aufgrund seiner Bevölkerungsgröße ein bedeutender Faktor der Weltwirtschaft und bei allem sozialen Elend, das der oft zu hörenden Bezeichnung "größte Demokratie der Welt" Hohn spricht, zu bemerkenswerten technischen Leistungen in der Lage.

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Noch mehr beeindruckt das insgesamt immer noch ärmliche China. Nicht erst seit einem erfolgreichen Raketentest der Chinesen im Januar 2007, bei dem sie vom Boden aus einen ausgedienten Wettersatelliten in 800 km Höhe abschossen (s. z. B. Heise online > Telepolis), sehen nicht wenige in der Volksrepublik den künftigen großen Rivalen Amerikas.

Unter dem Titel "How We Would Fight China" schrieb der amerikanische Autor und Journalist Robert D. Kaplan in The Atlantic (Juni-Ausgabe 2005): "The Middle East is just a blip. The American military contest with China in the Pacific will define the twenty-first century. And China will be a more formidable adversary than Russia ever was." Und zur Rolle der NATO und der Europäer: "NATO is ours to lead (...) and we should want it to be the former, so that Europe is a military asset for us, not a liability, as we confront China."

Dem widersprach Wiliam S. Lind (Director for the Center for Cultural Conservatism for the Free Congress Foundation): "I regard a war with China - hot or cold - as the greatest strategic blunder the United States could make, beyond those it has already made. The end result would be the same as that from the 20th century wars between Britain and Germany: it reduced both to second-rate powers."

"Regrettably, there are influential voices in Washington that want a war with China, the sooner the better. The most likely cause is Taiwan. Few in Washington understand why China is so adamant about Taiwan remaining officially part of China. The reason is China’s history, throughout which her greatest threat has not been foreign invasion but internal division. China has often fractured, sometimes into many parts. Today, Beijing fears that if one province, Taiwan, achieves independence, others will follow. China will go to war, including with the United States, to prevent that from happening" (W. S. Lind: "War with China?" in: Defense and the National Interest, Mai 2005).

In den letzten Jahren hatte es zwei ernste militärische Zwischenfälle zwischen den USA und China gegeben, die zum Glück nur zu diplomatischen Krisen führten. Während des Kosovo-Krieges der NATO gegen Rest-Jugoslawien wurde die chinesische Botschaft in Belgrad im Mai 1999 unglücklicherweise von Bomben getroffen (manche behaupten allerdings, mit Absicht). Dabei starben vier Menschen. Im April 2001 kollidierte ein amerikanisches Spionageflugzeug im Bereich der chinesischen Südküste mit einem chinesischen Kampfjet, der abstürzte und dessen Pilot ums Leben kam. Die amerikanische EP-3 konnte notlanden. (S. auch FAZ.NET: Wechselhafte Beziehungen.)

Zurzeit sind die amerikanisch-chinesischen Beziehungen eigentlich nicht von Feindseligkeit gekennzeichnet, aber Argwohn und Misstrauen sind auf beiden Seiten verbreitet. Doch man redet miteinander - auch die Militärs. Im März 2007 besuchte Marine General Peter Pace, Chairman of the Joint Chiefs of Staff, die Volksrepublik. "The chairman said he came to listen to Chinese military leaders and work with them ‘to find better ways to provide for the security and prosperity of 1.3 billion Chinese and 300 million Americans’" (DefenseLink).

[Chinese tanker soldiers with the People’s Liberation Army listen as the Chairman of the Joint Chiefs of Staff, Marine Gen. Peter Pace, provides his reactions and impressions to their demostrations at Shenyang training base, March 24, 2007.]
Panzersoldaten der chines. Volksbefreiungsarmee beim
Besuch von Gen. Pace - Foto: DefenseLINK: Multimedia

Jeder fünfte Mensch auf der Welt ist Chinese. Die Größe der chinesischen Bevölkerung mache ich immer wieder gerne an einem Rechenbeispiel deutlich: Wenn sich alle 1,3 Milliarden Chinesen in Dreierreihe aufstellten (drei "Mann" nebeneinander, das heißt natürlich Männer, Frauen und Kinder), mit einem Meter Abstand zum Vordermann, ergäbe dies theoretisch eine (wohlgemerkt dreireihige) Marschkolonne um die ganze Erde herum - und dann weiter bis zum Mond!

Ein "military contest" (Kaplan, s. o.) oder eine härtere Konfrontation der USA und ihrer Verbündeten mit China - mit unabsehbaren Eskalationsstufen? Nein, danke.

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Das gilt erst recht nach den Problemen, die sich die Amerikaner mit dem im März 2003 begonnenen Irak-Krieg gegen einen sehr viel kleineren und militärtechnisch unterlegenen Gegner bzw. so genannte Aufständische eingehandelt haben, ein noch längst nicht beendeter Krieg, aus dem sich die Deutschen von Anfang an weitgehend heraushielten - doch nicht völlig.

Die Bundesregierung gewährte Amerikanern und Briten Überflugrechte und Schutz ihrer in Deutschland gelegenen Einrichtungen und stimmte dem Einsatz deutscher Soldaten in AWACS-Flugzeugen der NATO zur Überwachung des Luftraums der (an den Irak grenzenden) Türkei zu. Hiergegen äußerte das Bundesverwaltungsgericht erhebliche völkerrechtliche Bedenken (Urteil vom 21.6.2005 in einem Verfahren wegen Befehlsverweigerung, das mit Freispruch endete - 2 WD 12.04).

Schließlich hatte der UN-Sicherheitsrat keine Zustimmung für die militärischen Maßnahmen gegen das Regime Saddam Husseins erteilt. Neben Deutschland wandten sich vor allem Frankreich und Russland heftig gegen diesen Krieg. Manche Amerikaner vermerkten das mit Bitterkeit. Auf einem Foto - veröffentlicht auf der Website "OPEN FIRE" (Archives) - gibt ein junger amerikanischer Soldat mittels auf seinem Ärmel aufgenähter Nationalflaggen zu verstehen, was er davon hält: [USA] "doing the work of" [Russia], [Gemany], [France].

Die schon vor den Kampfhandlungen - in der Sache berechtigte, aber mit unnötig respektlosen Worten seitens der Bundesregierung zum Ausdruck gebrachte - deutsche Kritik am Irak-Krieg (der im März 2003 begann) führte zu einem heftigen Krach mit den Amerikanern. Die damalige Sicherheitsberaterin und spätere US-Außenministerin Rice nannte die Beziehungen "vergiftet" und US-Verteidigungsminister Rumsfeld stellte Deutschland wegen seiner mangelnden Unterstützung polemisch auf eine Stufe mit Libyen und Kuba.

Anscheinend blieb es der Öffentlichkeit weitgehend verborgen, obwohl es kein Militärgeheimnis ist, dass die amerikanischen M1-Abrams-Panzer, die durch die irakische Wüste bis Bagdad stürmten, ausgerechnet mit deutschen Panzerkanonen auf die irakischen Truppen feuerten:

[An M1A1 Abrams tank races across the Iraqi desert Friday morning (21.3.2001). - CNN]
Amerikanischer M1A1, März 2003
in der irakischen Wüste (CNN)

          

[Najaf Province, Iraq (Jan. 24, 2005) - Marines from Tank Platoon, Battalion Landing Team 1st Battalion, 4th Marines, 11th Marine Expeditionary Unit (Special Operations Capable), fire their M1A1 Abrams tank main gun in the western desert of Najaf Province, Iraq, during a training exercise.]
und auf einer Übung der US-Marines
2005 - wiederum im Irak (NAVY.mil).

Seine Feuerkraft verdankt der M1 seiner unter Lizenz gebauten M256-Kanone. Im Grunde handelt sich dabei um die für den deutschen Kampfpanzer Leopard 2 entwickelte Waffenanlage L44 des deutschen Rüstungsherstellers Rheinmetall.

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Der um den bevorstehenden Irak-Krieg entstandene politische Krach mit den Amis (dem "Medienkanzler" Gerhard Schröder - wohl nicht ohne Kalkül - mit zu verdanken hat, dass er nach den Bundestagswahlen 2002 noch ein paar Jahre sein Amt an der Regierungsspitze einer nach den Erfahrungen der Vergangenheit kriegsüberdrüssigen Nation behalten konnte) bedeutete aber keineswegs das Ende der alltäglichen deutsch-amerikanischen "Waffenbrüderschaft".

Zum Beleg ein Foto, auf dem eine US-Soldatin im Mai 2003 in Deutschland von einem Bundeswehr-Kollegen in die Bedienung des Maschinengewehrs MG3 eingewiesen wird:

[US Army (USA) Staff Sergeant (SSGT) Karen Urban, Telecommunications Specialist, is assisted by German Army Sergeant First Class (SFC) Vitale Jamen, as she prepares to reload rounds into a 7.62mm MG3 machine gun at Lager Aulenbach, Germany, during Exercise COMBINED ENDEVOR 2003.]
Foto: DefenseLINK (US-Verteidigungsministerium):
Multimedia

Gerade das MG3 erinnert an wesentlich schwierigere Zeiten im deutsch-amerikanischen Verhältnis, ist es doch im Grunde das (nur wenig weiterentwickelte) MG 42 der Deutschen Wehrmacht, das auch den Spitznamen "Hitlersäge" trug und 1944 Hunderte von jungen Amerikanern am "Omaha-Beach" in der Normandie niedermähte oder (mit bis zu 25 Schuss pro Sekunde) geradezu halbierte.

Originalausführungen dieser Waffe sind bis heute in diversen Weltregionen in Gebrauch. Ein 2004 - ausgerechnet im Irak - erbeutetes MG 42 begutachteten US-Marines mit ernsten Minen. DefenseLINK veröffentlichte gleich mehrere Fotos davon.

[(Nov. 29, 2004) Master Sgt. Howard B. Macaulay, G3 Operations, 1st Marine Divison (MARDIV), gives a class on the German made 7.92 MG42 machine gun (...) in Ar Ramadi, Al Anbar Province, Iraq.]


Spätestens im Irak dürften die Amerikaner begriffen haben, dass auch heutige Kriege nicht nur mit supermodernen Hightech-Waffen zu führen sind, sondern dass Krieg nach wie vor ein blutiges "Handwerk" ist.

Und dafür braucht man - in einem Land, in dem Mord- und Selbstmordanschläge an der Tagesordnung sind - eine Menge "boots on the ground". - Auszüge aus einer gleich betitelten Reportage der Washington Post vom November 2004:

"I CAN‘T GET THE BOMBINGS OUT OF MY HEAD. Not just one, but the aftermath of them all. The metallic smell of blood. The stains on the roads. As if each victim was blown up individually, from the inside out, or maybe dropped from the sky. Razor wire collects flesh like torn pieces of clothing . . ."

Viele US-Soldaten im Irak sind frustriert und wütend. Einer wird mit den Worten zitiert: "We‘re tired of seeing our friends die for a war we don't understand".

Einer von vielen Anschlägen in Bagdad: Als nach der Explosion einer Autobombe amerikanisches und irakisches Militär am Tatort erscheint, detoniert eine zweite Bombe (April 2005):

[In South Baghdad, an explosion goes off from a second car bomb aimed at US and Iraqi forces arriving to inspect the first car bomb detonated an hour earlier during Operation IRAQI FREEDOM. The original target was the local Iraqi police force. Of the eighteen casualties, only two were police officers. (Released to Public)]
Foto: DefenseLINK: Multimedia

Zu den Kriegsopfern siehe auch Iraq Coalition Casualty Count und Iraq Body Count sowie The Memory Hole.)

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Inwischen wurde es auch in Afghanistan wieder brenzliger. Mit einer Rolle der Bundeswehr als Aufbauhelfer und Sicherheitswächter sind die Alliierten in ihren verlustreichen Kämpfen gegen die Taliban nicht zufrieden.

Sechs Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geben die Amerikaner zu verstehen: "Die Deutschen müssen das Töten lernen" (DER SPIEGEL Nr. 47/20.11.06). Ähnlich äußerten sich laut SPIEGEL die Kanadier (die im Zusammenhang mit einer militärischen Operation im Panjwai-Distrikt zwölf Gefallene zu beklagen hatten): "Es sei höchste Zeit, dass die Deutschen ihre Schlafplätze verließen und lernten, ’Taliban zu töten’."

Ob die Auslandseinsätze der Bundeswehr, sei es in Afghanistan oder anderwo, gerechtfertigt sind oder nicht - sie sind jedenfalls riskant, nicht nur für die beteiligten Soldaten, sondern auch für deutsche Zivilisten in den Krisengebieten (Entwicklungshelfer u. a.) und für die innere Sicherheit Deutschlands.

Im März 2007 richtete eine nebulöse Gruppe via Internet eine Video-Drohbotschaft in Arabisch mit deutschen Untertiteln an die Regierungen Deutschlands und Österreichs:


[Islamisten-Video]


Die Welt berichtet darüber am 11.03.2007: "Eine islamistische Gruppe hat Deutschland und Österreich aufgefordert, ihre Soldaten aus Afghanistan abzuziehen, um Anschlägen in den beiden europäischen Ländern vorzubeugen. Die Zusammenarbeit mit US-geführten Truppen könnte Anschläge provozieren, erklärte die Gruppe, die sich selbst ‘Stimme des Kalifat Kanal’ nennt." [Caliphate Voice Channel = CVC]

(Das Kalifat ist - sehr allgemein gesagt - eine islamische Regierungsform, in der weltliche und geistliche Führerschaft vereint sind. Die Anfänge dieser Institution gehen auf den unmittelbaren Nachfolger des Propheten Mohammed zurück, seinen Schwiegervater bzw. einen seiner Schwiegerväter, der den Titel "chalifat rasul Allah" annahm. In Deutschland wurde das "Kalifat von Köln" unter dem "Kalifen" Metin Kaplan bekannt - ein radikaler Islamist, der inzwischen in die Türkei abgeschoben wurde.)

In der Video-Botschaft des "CVC" fragt eine Stimme auf Arabisch, warum Deutschland "für das Wohl von Bush und seiner Bande" seine Interessen gefährden sollte. "Ist es nicht dumm, die Mudschahedin zu ermutigen, Anschläge in eurem Land zu verüben?"

Das arabische Wort "Mudschahed" (oder Mudschahid) bedeutet in einem sehr vielschichtigen Sinne: "derjenige, der Heiligen Kampf betreibt". Als Mudschahedin bezeichnen sich viele islamische Widerstandskämpfer und Terrorgruppen wie auch schon die afghanischen Guerillagruppierungen, die 1979 bis 1989 erfolgreich gegen die sowjetischen Invasoren kämpften - mit freundlicher Unterstützung der USA in Form von Waffen, Geld und Geheimdienstinformationen.

Dies hielt der damalige Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, der (in Polen geborene) Politikwissenschaftler Zbigniew Brzezinski, noch 1998 (in einem Interview mit der französischen Zeitung Le Nouvel Observateur) für eine "exzellente Idee". Durch die frühzeitige amerikanische Hilfe für die Mudschahedin wären die Russen in die "afghanische Falle" gelockt worden. Seiner Meinung nach hat der Afghanistan-Krieg die Sowjetunion so stark demoralisiert und wirtschaftlich geschwächt, dass sie letztlich auseinander brach (siehe Wikipedia zur Rolle der USA in diesem Krieg).

Inzwischen sind die Russen nicht nur aus Afghanistan abgezogen, sondern auch aus der ehemaligen DDR, wo sie einen großen Teil ihrer besten Truppen an der Grenze zum NATO-Gebiet stationiert hatten. Deutschland ist wieder vereinigt und die deutsch-russischen Beziehungen sind freundlich. Auch die russisch-amerikanischen Beziehungen haben sich gut entwickelt, auch wenn gelegentlich wieder die frühere Rivalität durchbricht.

Der Kalte Krieg ist zu Ende. Aber in Afghanistan herrscht immer noch ein heißer - im Rahmen des weltweiten von den USA geführten "War on Terrorism". Und Deutschland hängt mit drin. Wie sagte doch der (bis 2005 amtierende) Bundesverteidigungsminister Struck 2002? "Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt" (ein ebenso bekannter wie umstrittener Satz - s. z. B. Heise online > Telepolis).

Illusionslos meinte allerdings ein hochrangiger sowjetrussischer Afghanistan-Veteran, General a. D. Alexander Ruzkoi, von 1991 bis 1993 Vizepräsident Russlands, schon kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 im Hinblick auf Afghanistan und den dort vemuteten Führer von Al Kaida: "Auf so einem riesigen Territorium mit Wüsten und hohen Bergen Bin Laden finden zu wollen, das ist genauso, wie eine Nadel im Heuhaufen zu suchen. Aber es gibt natürlich eine Methode: Man kann diesen Heuhaufen abbrennen und dann kann man in der Asche diese Nadel finden."

Ruzkoi fügte jedoch hinzu: "Ob solche Aktionen nun berechtigt sein werden, das, glaube ich, ist nicht der Fall" (im ARD-Politik-Talk mit Sabine Christiansen vom 30.9.2001 zum Thema: "Ist der Kampf gegen den Terror zu gewinnen?")

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Vor einigen Jahren begann die (aus nunmehr 26 Mitgliedstaaten bestehende) NATO auf amerikanische Initiative, eine aus Land-, Luft- und Seestreitkräften sowie Spezialeinheiten bestehende hoch technisierte Eingreiftruppe für weltweite Einsätze aufzubauen, für "any mission, anywhere in the world": die NATO Response Force (NRF). Der NRF stehen maximal 25.000 Soldaten zur Verfügung. "It can number up to 25,000 troops and start to deploy after five days’ notice and sustain itself for operations lasting 30 days or longer if resupplied."

Über das große NRF-Manöver Steadfast Jaguar 2006 auf den Kapverdischen Inseln (Republik Kap Verde) berichtete Die Welt am 27.6.2006: "Die Übung auf den Kapverden sendet ein starkes politisches Signal. Es war das erste Nato-Manöver auf afrikanischem Boden, nur etwa 500 Kilometer von Senegal entfernt. Auch wenn bei der Nato niemand gern über Einsätze etwa in Darfur spekuliert, wurde hier gezeigt: Das Bündnis wäre dazu in der Lage."

Zu Darfur kommen wir später. - Zu "Steadfast Jaguar" schreibt Die Welt weiter:

"Auch die langfristige Sicherung von Energiequellen spielt hier sicher eine Rolle. Die Kapverden liegen vor der Küste Westafrikas, das als Ölfördergebiet für die USA immer wichtiger wird - die unruhigen Ölgebiete Nigerias sind nur zwei Flugstunden entfernt. Diese Übung solle die Allianz auch auf solche Einsätze vorbereiten, gibt General James L. Jones ganz offen zu, auch wenn er das nicht für die gesamte Nato sagen wollte, sondern nur in seiner Rolle als alliierter Oberbefehlshaber für Europa (Saceur)." [Saceur = Supreme Allied Commander Europe]

(Auf diese Region haben allerdings auch andere ein Auge geworfen. "Nigerian security sources said China was becoming one of Nigeria’s main suppliers of military hardware", berichtete die Londoner Financial Times im Februar 2006. "Stephen Morrison, director of the Africa programme at the Centre for Strategic and International Studies, said the Pentagon had been ‘hot and cold’ about providing military assistance because of difficulties in working with the Nigerian military. ‘The Chinese are very competitive players and we have to come to terms with that. They are going to places that really do matter.’")

Die möglichen Einsatzzwecke der NRF sind, wie sie selbst betont, vielseitig: "It is capable of performing missions worldwide across the whole spectrum of operations. These include evacuations, disaster management, counterterrorism, and acting as ‘an initial entry force’ for larger, follow-on forces."

(For larger forces? For a larger war?)

[NATO Response Force - Exercise Steadfast Jaguar 2006]


Steadfast Jaguar war der letzte Test, bevor die 2002 von US-Verteidigungsminister Rumsfeld vorgeschlagene NRF vier Jahre später (auf dem NATO-Gipfel in Riga) für voll operationsfähig erklärt wurde. "We are there," sagte NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer zu Reportern und meinte: "A major accomplishment because it gives the Euro-Atlantic community unprecedented capability."

In der Riga Summit Declaration vom 29.11.2006 heißt es unter Punkt 23: "The establishment of the NATO Response Force (NRF) which today is at full operational capability has been a key development. It plays a vital part in the Alliance’s response to a rapidly emerging crisis. It also serves as a catalyst for transformation and interoperability and will enhance the overall quality of our armed forces, not only for NATO, but also for EU, UN or national purposes."

Oberkommandierender der vorausgegangenen NRF-Übung, an der Land-, Luft- und Seestreitkräfte mit über 7.000 NATO-Soldaten beteiligt waren, darunter über 2.000 deutsche, war ein deutscher General (s. Command Structure Steadfast Jaguar 06).


Ein Bundeswehrgeneral hatte übrigens auch ein Jahr zuvor - bei der Übung "Iron Sword" 2005 in Norwegen - die Land-Komponente der NRF-Truppen befehligt.

Ein Manöver-Foto des 1. Deutsch-Niederländischen Korps (Münster) zeigt norwegische Kampfpanzer (d. h. deutsche Leopard 2), irgendwo in den Wäldern versteckt - in Erwartung des Einsatzbefehls:

[norwegische Leopard 2 während der NATO-Übung Iron Sword 2005]


Nach dieser Übung meldete das 1 (GE/NL) Corps im NATO-Jargon: "The NRF 4 Land Contingent has shown that it is capable to successfully conduct a complex Joint and Combined Operation for 4 weeks from scratch and without preliminary training, 1500 kilometres away from the peacetime location. (...)
The exercise situation is under control and all participants and the material are currently redeploying to their home bases. Mission accomplished."

"(Mission Accomplished" - Auftrag erfüllt - hatte es auch bei den Amerikanern im Mai 2003 geheißen, als man schon glaubte, den Irak-Krieg im Wesentlichen hinter sich zu haben - eine große Illusion, wie man heute weiß.)

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In Zukunft wird sich auch für die Deutschen noch öfter die Frage stellen: Militärisch eingreifen oder nicht? Nicht nur gegen globale "Terrornetzwerke" oder "Schurkenstaaten", sondern auch bei einem Völkermord wie 1994 in Ruanda, wo bis zu eine Million Menschen getötet wurden, überwiegend mit Keulen und Buschmessern. Die Zahl der Mittäter ging in die Hunderttausende.

Der damals amtierende US-Präsident Clinton, der Jahre später auf seine Amtszeit zurückblickte, wird mit den Worten zitiert: "Was habe ich falsch gemacht? Dass wir nicht in Ruanda einmarschiert sind. Das ist damals innerhalb von 90 Tagen geschehen, dieser Völkermord. Ich weiß, dass ich nur ganz schwer die Zustimmung des Kongresses erhalten hätte. Aber ich hätte es versuchen sollen. Ich hätte Leben retten können. Das war ganz sicher das schwerste Versäumnis meines Lebens. Ich muss damit leben."

Vielerorts werden menschliche Überreste aufbewahrt, die von den Massakern zeugen, wie die Grauen erregenden Knochenhaufen in einer Kirche, wo, wie es heißt, ca. 20.000 Menschen umgebracht wurden:

[Nyamata Church, Ruanda - Überreste von Opfern des Genozids von 1994]
Quelle: BBC
"More than 10,000 people were killed in the first few hours
on the 14th April. It is rumoured that more people
turned up to kill than were inside the church."

Innerhalb von nur drei Monaten sind 1994 in Ruanda (vor den Augen einer viel zu schwachen UN-Blauhelmtruppe) kaum weniger Menschen ums Leben gekommen als 1942/43 in der halbjährigen Schlacht um Stalingrad!

Zur kriegerischen Vorgeschichte des Völkermordes siehe Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUT): Rebelleninvasion aus Uganda (ab Oktober 1990).

Zum Hintergrund des (von den Hutus an den Tutsis begangenen) Genozids gehört auch die Demographie. Nach Angaben der Vereinten Nationen stieg die Bevölkerung Ruandas zwischen 1950 und 1990 von 2,2 Mio. auf 7,3 Millionen Einwohner. Auf einer für afrikanische Verhältnisse winzigen Landesfläche von 26.340 Quadratkilometern (nicht viel größer als Mecklenburg-Vorpommern) ergab dies eine Bevölkerungsdichte von 277 Einwohnern je Quadratkilometer - ein im internationalen Vergleich sehr hoher Wert. Die Bevölkerungsdichte Schwarzafrikas (Afrikas südlich der Sahara) im Gesamtdurchschnitt betrug zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als 21 Einw./km² und der Weltdurchschnitt 39 Einw./km².

Inzwischen ist das Bevölkerungswachstum Ruandas über den Genozid hinweggegangen. Für 2010 rechnen die Vereinten Nationen bereits mit 10,6 Millionen Einwohnern und einer Bevölkerungsdichte von über 400 Einwohnern je Quadratkilometer.

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Immer wieder stoßen wir im Zusammenhang mit den zahllosen Konflikten in der Welt auf das Bevölkerungswachstum als offensichtliche (Mit-)Ursache oder zumindest Verschärfung der Folgen aufgrund höherer Opferzahlen. (So auch in Afghanistan, worauf wir in Teil III noch zurückkommen werden.)

Aus dem (international anerkannten) World Factbook der (berühmt-berüchtigten) amerikanischen CIA:

"The planet's population continues to explode: from 1 billion in 1820, to 2 billion in 1930, 3 billion in 1960, 4 billion in 1974, 5 billion in 1988, and 6 billion in 2000. For the 21st century, the continued exponential growth in science and technology raises both hopes (e.g., advances in medicine) and fears (e.g., development of even more lethal weapons of war)." - [Anmerkung: Angelsächsische "billions" entsprechen unseren Milliarden.]

Ist das die Perspektive der explodierenden Weltbevölkerung im 21. Jahrhundert? Auf der einen Seite die lebensrettende Medizin und auf der anderen die todbringenden Waffen des Krieges, ob Massenvernichtungswaffen oder Kalaschnikows in den Händen von Kindersoldaten?


[afrikanischer Kindersoldat]


Diese Kinder verdienen unser Mitleid. - Aber was hilft das gegen ein durchgeladenes Sturmgewehr? Wie sollen sich Bundeswehrsoldaten bei Auslandseinsätzen gegenüber bewaffneten Kindern verhalten?

Dazu der deutsche Befehlshaber der EU-Truppen, die sich 2006 für einen Einsatz zur Sicherung der Wahlen im Kongo bereitmachten: "Wenn ein Kindersoldat mit geladener Waffe vor einem meiner Soldaten steht, hoffe ich, dass er genauso reagieren wird, wie wenn ein Erwachsener vor ihm steht" (SPIEGEL Online, 14. Juni 2006).

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Eigentlich sind Kindersoldaten nichts Neues, auch nicht in Deutschland. Oder wie soll man sonst den Hitlerjungen nennen, der noch im April 1945 am Felsenkeller in Leipzig einen Sherman-Panzer der einmarschierenden Amerikaner mit einer Panzerfaust abschoss? [MDR] Jener "schmächtige 16jährige Junge" tötete damit die ganze Panzerbesatzung - bevor der nachfolgende US-Tank auch mit ihm kurzen Prozess machte.

Man denke auch an die vielen deutschen Oberschüler, die in den letzten Kriegsjahren als Flakhelfer (bzw. Luftwaffen- oder Marinehelfer) eingesetzt wurden. Eine Dienstanweisung des Reichsluftfahrtministeriums bestimmte: "Die Alkohol- und Tabakportionen dürfen für die Lw.-Helfer nicht empfangen werden, statt dessen sind Vitamindrops oder Süßigkeiten auszugeben." Also Bonbons für Kindersoldaten (oder höchstens "Schülersoldaten"). - Doch die haben sicher mehr als einen britischen oder amerikanischen Flieger vom Himmel geholt.


[Hitlerjungen als Flakhelfer bei einer Gefechtsübung an einer leichten 2cm-Flak (Bild: bpk Berlin)]


Unter den jugendlichen Flakhelfern waren auch so prominente Personen wie der spätere, inzwischen verstorbene Prinz der Niederlande Claus von Amsberg - und kein Geringerer als der heutige Papst Bendedikt XVI. Das Ergebnis der Papstwahl im April 2005 meldete die britische "Sun" mit Sarkasmus und einem albernen Wortspiel:


[The Sun, April 2005: "From Hitler Youth to ... PAPA RATZI"]


Schon im Alter von 14 Jahren wurde der Priesterseminarist Joseph Ratzinger in die Hitlerjugend gezwungen. Mit 16 musste er als Flakhelfer einen Rüstungsbetrieb bei München verteidigen. Er galt als Sonderling und wirkte überhaupt nicht militärisch. Obwohl er alles andere verkörperte als einen Hitlerjungen, tat er jedoch seinen Dienst am Funkmessgerät. Schießen musste er nicht. Einer seiner ehemaligen Kameraden sagt: "Ratzinger war ja nicht am Geschütz, er war am Messgerät, hat die Entfernung der Flugzeuge bestimmt und wir haben daraufhin die Zünder für die Flakgranaten eingestellt." Ob sie jemals einen Bomber getroffen haben, wissen die ehemaligen Kriegskameraden nicht.

Der mit dem 5. Gebot ("Du sollst nicht töten!") konfrontierte junge Seminarist und Flakhelfer Ratzinger (1943) ...

[Flakhelfer Ratzinger 1943]

... heute Papst Bendedikt XVI. - ein kaum noch zu überbietendes Beispiel für den absurden Verlauf der Geschichte zwischen Krieg und Frieden.


Auch die "Soldaten" der 12. SS-Panzerdivison "Hitlerjugend" waren zumeist erst 17 oder 18, als sie in der Normandie gegen die vorrückenden Alliierten kämpften. Allerdings waren deren "Boys" auch nicht sehr viel älter. Und auch heute ist der einfache Soldat auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt fast mehr ein Junge als ein Mann. Das gilt auch für die amerikanischen Soldaten im Irak.

Von einer amerikanischen Website:

[The military man]

"The average age of the military man is 19 years. He is a short haired, tight-muscled kid who, under normal circumstances is considered by society as half man, half boy. Not yet dry behind the ears, not old enough to buy a beer, but old enough to die for his country" (www.brandonblog.homestead.com: The Military Man).

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Zurück zum Kongo, wo 2006 ein paar Hundert Bundeswehrsoldaten Präsenz demonstrierten und so mithalfen, die Durchführung demokratischer Wahlen zu sichern (s. o.). Vielen war die Gefährlichkeit des Einsatzes durchaus bewusst. Der Bundeswehrverband sprach von "Kopf hinhalten". Jedenfalls konnten sich die Soldaten glücklich schätzen, mit heiler Haut nach Deutschland zurückzukehren.

Die Kongo-Problematik ist vielschichtig, aber eines der Grundprobleme ist sicherlich die Demographie. Das Durchschnittsalter beträgt kaum mehr als 16 Jahre! Diese extrem junge Bevölkerung wächst jährlich (d. h. im Jahresdurchschnittt 2005-2010) um über 2 Millionen.

Dabei nimmt allein die Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen pro Jahr um etwa 200.000 zu (netto). Diese Zahl liegt in der Größenordnung der gesamten Bundeswehr mit etwa 250.000 Soldaten (davon gut 100.000 Eingreif- und Stabilisierungskräfte). Selbstverständlich werden nicht all diese Kinder und Jugendlichen, darunter viele Waisen und Straßenkinder, zu "Soldaten", aber in einem so armen und instabilen Land bilden sie ein großes Rekrutierungspotenzial für Rebellen und Milizen.

Und als solides Handwerkszeug dient schon eine gebrauchte Kalaschnikow, die in afrikanischen Konfliktgebieten schon ab 30 Dollar zu haben ist - vielleicht die Waffe eines gefallenen Kindersoldaten. Es geht ja nicht um große Feldschlachten wie im Zweiten Weltkrieg, sondern um den zähen Dschungelkampf, Überfälle auf Dörfer oder Straßenkämpfe in einer Millionenstadt wie Kinshasa (innerhalb eines Staatsgebietes, das sechseinhalbmal so groß ist wie Deutschland und 2007 bereits mehr Einwohner hat als Frankreich und in einigen Jahren auch mehr als Deutschland).

An Kindern und Kalaschnikows kennt der Kongo keinen Mangel. Verzeihung, aber man muss das einfach mal so zynisch formulieren, um die Sache auf den Punkt zu bringen. Dies ist aber das Problem vieler Krisenregionen. Es geht ja nicht nur um den Kongo, der im Übrigen als "Democratic Republic of the Congo" bzw. "République Démocratique du Congo" den ehrenwerten "Vereinten Nationen" angehört, die dort schon seit Jahren ihre "MONUC" stationiert haben, Blauhelme aus aller Herren Länder, die sich nicht immer bewährten. [MONUC = Mission de l’Organisation des Nations Unies en République Démocratique du Congo]

Der Fischer Weltalmanach 2005 berichtete: "In die Kritik geriet die MONUC vor allem für ihr Verhalten in Bukavu. Dort bekämpften sich seit dem 26.5.2004 rivalisierende Armeeeinheiten. Die MONUC griff zwar zunächst in die Kämpfe ein, zog sich dann aber am 2./3.6. aus der Stadt zurück und gab sie somit den neuen Herrschern preis, die plündernd und vergewaltigend durch die Straßen zogen. Mehrere Tausend Menschen flohen über die Grenze nach Ruanda. Daraufhin kam es in Bukavu, Kinshasa, Kinsangani, Lumbumbashi und Kindu zu Demonstrationen gegen die UN, deren Teilnehmer den Abzug der Blauhelme forderten und UN-Fahrzeuge und -Einrichtungen angriffen."

Was sich im Kongo in den letzten Jahren abgespielt hat und woran auch andere afrikanische Staaten beteiligt waren und was letztlich noch viel mehr Opfer forderte als beispielsweise der Krieg im Irak, obwohl international viel weniger darüber berichtet wurde, bezeichneten manche schon als den "Afrikanischen Weltkrieg" (s. z. B. medico international).

Wie der Kongo leiden viele Länder - nicht nur in Afrika - unter einem "Jugendüberschuss" der statistisch an einer überproportionalen Ausstülpung der Alterspyramide bei den Kindern und Jugendlichen (englisch: children bulge bzw. youth bulge) sichtbar wird.

Als markante Altersgrenzen gelten in diesem Zusammenhang der 15. und 25. Geburtstag. Hier ein tabellarischer Vergleich der entsprechenden Bevölkerungszahlen Europas und Afrikas für das Jahr 2010 nach Projektionen der Vereinten Nationen (UN World Population Prospects, the 2006 Revision):

  Bevölkerung
Mitte 2010
Altersgruppen
0 bis 14 Jahre 15 bis 24 Jahre  ab 25 Jahre
 Europa 730,5 Mio. 111,9 Mio. = 15,3 % 92,7 Mio. = 12,7 % 525,8 Mio. = 72,0 %
 Afrika 1.032,0 Mio. 417,8 Mio. = 40,5 % 209,6 Mio. = 20,3 % 404,6 Mio. = 39,2 %

Somit entfallen (im Jahr 2010) auf die jungen Afrikaner unter 25 Jahren mehr als 60 % der Gesamtbevölkerung, während ihre Alterskollegen in Europa weniger als 30 % ausmachen. Und in absoluten Zahlen sind die afrikanischen Kinder und Jugendlichen (vom relativ fortschrittlichen Südafrika über völlig unterentwickelte Länder bis hin zur arabischen Führungsnation Ägypten) schon mehr als dreimal so zahlreich wie die Europäer gleichen Alters.

("Youth bulges als zukünftiger Weltfeind?" - fragt Gunnar Heinsohn in: Warum werden sie zu Kriegern? - ein Vortrag vom 10.2.2003, der auf das Buch "Söhne und Weltherrschaft" vorgreift).

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Wenn zwischen Mittelmeer und Pazifik ein brisanter "Krisenbogen" entstanden ist, wie Egon Bahr (s. o.) bemerkt, so spannt sich ein anderer, besonders chaotischer quer durch Afrika, vom Roten Meer bis zum Atlantik. Schon mit zwei riesigen Flächenstaaten lässt sich dieser Bogen schließen:

Tief im Innern Afrikas grenzt der Kongo, dessen gleichnamiger Strom in den Süd-Atlantik mündet, im Nordosten direkt an den bis ans Rote Meer reichenden Sudan, um dessen Süden ein langjähriger Bürgerkrieg geführt wurde, der über zwei Millionen Menschenleben gekostet haben soll (siehe auch AKUT).

Als sich dieser Konflikt endlich entschärfte, flammte im Westen des Sudan ein anderer auf - in der zu trauriger Weltberühmtheit gelangten Provinz Darfur. Was sich dort in seit 2003 abgespielt hat, erinnert in mancher Hinsicht an Ruanda (wobei Dafur allerdings flächenmäßig wesentlich größer und unter andersartigen natürlichen Lebensbedingungen erheblich dünner bevölkert ist).

Seitdem sind In Darfur (eigentlich Dar Fur = Land der Fur) nach unterschiedlichen Schätzungen mehr als 200.000 oder auch schon mehr als 400.000 Menschen ums Leben gekommen gekommen. Etwa 2,5 Millionen wurden innerhalb Darfurs vertrieben oder flohen ins Ausland, vor allem in den Tschad.

"Darfur ist Ruanda in Zeitlupe" zitierte SPIEGEL online im September 2006 den amerikanischen Menschenrechtsaktivisten John Prendergast. Manche vergleichen die blutigen Vorgänge in Darfur auch mit dem, "what happened in Nazi Germany", wie der Kalifornische Student Adam Sterling, der auch an dem Dokumentarfilm "Darfur Now" (2007) mitgewirkt hat und meint: "Here we’ve got a chance to make it right".

Aber kann man das vergleichen? Zum Darfur-Konflikt und seinen Hintergründen bemerkt das Auswärtige Amt: "Traditionell konkurrieren in Darfur sesshafte afrikanische Stämme, wie zum Beispiel Fur, Zaghawa und Massalit, mit arabischstämmigen Nomaden um knappe Ressourcen. Diese Spannungen konnten lange Zeit durch tradierte Konfliktlösungsmechanismen unter Kontrolle gehalten werden. Durch eine weitere Verknappung von Weideland und Wasser (fortschreitende Versteppung und Trockenperioden) wurde der Konflikt seit den achtziger Jahren verschärft. Dazu kommen Arabisierungsbestrebungen der sudanesischen Regierung."

Dabei spielt wiederum die demographische Entwicklung in Darfur eine Rolle: "Hinzu kam, dass sich die Bevölkerung in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf sechs Millionen Menschen verdoppelte" (Wikipedia).

Zum Darfur-Konflikt noch einmal das Auswärtige Amt: "Die Bildung zweier Rebellenorganisationen im Februar 2003, die der sudanesischen Regierung den bewaffneten Kampf ansagten und das Ende der Marginalisierung und der Benachteiligung der afrikanischen Stämme forderten, führte zu einer massiven militärischen Reaktion der sudanesischen Regierung und damit zur Eskalation. Die Regierung bewaffnete so genannte Janjaweed-Milizen, die die Rebellen bekämpfen sollten, und bombardierte – in enger Absprache zwischen Militär und Milizen – selbst zahllose zivile Ziele."

"Die Janjaweed-Milizen begingen unter der Verantwortung und teilweise in enger Kooperation mit der sudanesischen Regierung ungestraft schwerste Menschenrechtsverletzungen und Gräueltaten an der Zivilbevölkerung."

Zwar ist nun mit der United Nations African Union Mission in Darfur (UNAMID) eine große Friedenstruppe im Land, aber, so berichtet die Deutsche Welle im Oktober 2007: "Der Frieden muss warten: Da die wichtigsten sudanesischen Rebellengruppen nicht kamen, wurden die Friedensgespräche für Darfur vertagt. Ob die Regierung - wie angekündigt - dennoch die Waffen ruhen lässt, ist fraglich."

Immer wieder wurden Forderungen nach einem Eingreifen effektiverer westlicher Truppen laut, etwa in Form eines NATO-Einsatzes, um dem Völkermord bzw. den massenhaften Kriegsverbrechen ein Ende zu machen. Wer solche Militäroperationen vorschlägt, sollte jedoch nicht die Herausforderungen übersehen, die sich schon allein aus der Geographie ergeben.

[Darfur, Sudan]
(Karte von Sudan mit Darfur: Wikipedia)

Die "Provinz" Darfur (die sich genau genommen aus drei Provinzen des Sudan zusammensetzt: West-, Nord- und Süd-Darfur) ist mit circa 500.000 Quadratkilometern weit größer als Deutschland.

Flächenmäßig ist Darfur auch mehr als 45-mal so groß wie der Kosovo, der - direkt vor der Haustür der Europäischen Union - nun schon seit 1999 die KFOR beschäftigt (an der auch die Bundeswehr stark beeiligt ist).

Der gesamte Sudan ist mit rund 2,5 Millionen Quadratkilometern das größte Land Afrikas und das zehntgrößte der Erde - flächenmäßig siebenmal so groß wie Deutschland, wenn auch mit einer kleineren Bevölkerung.

Allerdings soll die Gesamtbevölkerung des Sudan, der nach UN-Angaben 1950 erst 9,2 Millonen Einwohner hatte, ungeachtet des Blutvergießens der vergangenen Jahre 2010 schon etwa 33 Millionen betragen. Und bis 2050 sollen nochmals 40 Millionen dazukommen!

Neben seinen inneren Konflikten wie in Darfur droht dem Sudan auch Streit mit den Nachbarstaaten. Unlängst kam es Im Zusammenhang mit dem Darfur-Konflikt schon zu militärischen Auseinandersetzungen mit dem Tschad.

Ein gefährliches Konfliktpotential liegt in der Konkurrenz zwischen Sudan, Ägypten und Äthiopien um das Wasser des Nil, der bei der sudanesischen Hauptstadt Khartum aus dem Zusammenfluss des Weißen Nil und des (aus Äthiopien kommenden) Blauen Nil entsteht und der später die Lebensader des Wüstenstaates Ägypten bildet. Kaum vorstellbar, dass allein die drei genannten Nil-Anrainerstaaten (nach den UN World Population Prospects, the 2006 Revision) schon in 25 Jahren zusammen so viele Einwohner haben werden wie die gesamten USA heute.

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Ob die NATO in Darfur eingreifen sollte, will sorgfältig und mit aller Vorsicht überlegt sein, zumal ihrer erst im November 2006 für voll operationsfähig erklärten Eingreiftruppe (auf die schon weiter oben eingegangen wurde) noch vor ihrem ersten Einsatz die Kräfte auszugehen scheinen. Im Oktober 2007 fragt die Neue Zürcher Zeitung: "Frühes Ende der Nato Responce Force?" - und meldet schon deren praktisches Aus:

"Die Nato Response Force (NRF), die schnelle Eingreiftruppe des Nordatlantikpakts, steht in ihrer bisherigen Konzeption praktisch vor dem Aus. Der Grund ist, dass die USA wegen ihrer Engagements im Irak und in Afghanistan nicht mehr in der Lage sind, früher eingegangene Verpflichtungen einzuhalten, und deshalb Angebote für Truppenkontingente zurückgezogen haben. Damit kollabiert das gesamte System, das auf rotierenden Truppen-Beiträgen aus den Mitgliedstaaten aufgebaut war. Um die Frage, wie es weitergehen soll, wird noch gestritten, doch scheinen die Weichen für eine Redimensionierung gestellt worden zu sein, was natürlich auch Auswirkungen auf die Einsatzmöglichkeiten der künftigen, geschrumpften NRF haben wird." (NZZ online)

Wir sehen daran zweierlei: erstens, wie sehr Irak und Afghanistan an den militärischen Kräften der amerikanischen "Superpower" zehren (besonders in Bezug auf die "boots on the ground"), und zweitens, wie wenig die westliche Welt auf die Dimensionen künftiger Konflikte in Asien und Afrika vorbereitet ist, die sie noch oft vor die Wahl stellen werden, entweder unter großen Risiken einzugreifen oder mit schlechtem Gewissen dem Massenmorden zuzusehen - sofern ihre eigene Sicherheit oder vitale wirtschaftliche Interessen dies überhaupt erlauben.

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Machen wir uns nichts vor. Auch wenn der Kalte Krieg der Vergangenheit angehört, sind weitere Truppenreduzierungen und Abrüstung nicht das Gebot der Stunde - obwohl wir andererseits allen Grund haben, die Waffen zu verfluchen.

Zu den jugendlichen Menschenmassen armer, politisch ungefestigter Länder kommt die leichte Verfügbarkeit einfacher, aber sehr robuster und effektiver Handfeuerwaffen wie der AK-47 und ihrer Varianten. Selbst Michail Kalaschnikow, der das berühmte Schnellfeuergewehr gegen Ende des Zweiten Weltkriegs (nach einer Verwundung als Panzerkommandant) als Antwort auf die modernen deutschen Maschinenwaffen für die Rote Armee konstruierte, zeigte sich bestürzt über das Unheil, das bis heute von seiner Erfindung ausgeht. Schätzungsweise 50 bis 100 Millionen Gewehre allein dieses Typs sind heute in aller Welt verbreitet.

Ein ebenso freundlich wie zynisch wirkendes Foto zeigt Michail Kalaschnikow (links) mit einer amerikanischen M16 in der Hand neben Eugene Stoner (Konstrukteur der M16) mit einer "Kalaschnikow" (von Wikinfo):


[Der Russe Michail Kalaschnikow mit einer M 16 und der Amerikaner Eugene Stoner mit einer Kalaschnikow (AK-47)]


Allerdings zählt auch Deutschland "nach Russland, den USA und Italien zu den Hauptexporteuren von Pistolen, Gewehren und anderen kleineren Waffen" (SPIEGEL Online, 27. Juni 2006).

Nach der (1947 in Serie gegangenen) russischen AK-47 ist wohl das deutsche G3 - lange Zeit Standardgewehr der Bundeswehr - das häufigste Gewehr auf der Welt. Etwa 10 Millionen Stück wurden weltweit produziert - auch in Lizenz wie beispielsweise im Iran und in Pakistan.

Dieses Schnellfeuergewehr (umgangssprachlich auch als Sturmgewehr bezeichnet) mit einem deutlich größeren Kaliber als das Nachfolgemodell G36 der Bundeswehr, ist jedoch nicht nur im Besitz regulärer Armeen.

UNICEF zitiert einen Kindersoldaten aus Burundi: "Zuerst musste ich die Lampen halten. Dann zeigten sie mir, wie man mit Handgranaten umgeht. Drei Monate später hatte ich eine AK-47 und sogar ein G3-Gewehr".

Ein 2001 im Süd-Sudan entstandenes Foto zeigt G3 und Kalaschnikow einträchtig nebeneinander in den Händen von Kindersoldaten der "Sudanesischen Volksbefreiungsarmee":

[Südsudanesische Kindersoldaten der SPLA warten (im Februar 2001) auf ihre Demobilisierung - Foto: Sossa = South Sudanese Students Association in the Federal Republic of Germany]
"Child soldiers of the rebel Sudan People's Liberation Army wait for their
commander at a demobilization ceremony at their barracks in Malou,
Southern Sudan Sunday, Feb.25, 2001. Under an agreement with
U.N. Children's Fund, the SPLA has demobilized 2,500 child soldiers
aged between eight and 18. (AP)" - (Sossa)

Diese Kindersoldaten legten nach einem Abkommen zwischen Rebellen und UNICEF die Waffen nieder und wurden in sicherere Gebiete gebracht. Sossa (= South Sudanese Students Association in the Federal Republic of Germany) berichtete darüber unter dem Titel: "Child soldiers in southern Sudan drop guns for school bags".

Einer möchte katholischer Priester werden (nicht der erste junge Mann, der lebend der irdischen Hölle des Krieges entkam). Ein anderer aber will später zurück zur Rebellenarmee: "I want to go to school and then go back to the army because my parents were killed. I want to retaliate". Vielleicht ändert er ja noch seine Meinung, wenn er ein paar Jahre zur Schule gegangen ist.

Aber wundern wir uns nicht, wenn eines Tages auch deutsche Soldaten mit deutschen Gewehren unter Feuer genommen werden - bei irgendwelchen "friedenserzwingenden Maßnahmen", irgendwo in der Welt. (Siehe auch kleine Fotoserie über G3s in aller Welt auf dieser Website.)

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Übrigens findet man das G3 (neben der unvermeidlichen Kalaschnikow) auch im oben erwähnten westsudanesischen Darfur.

Über die gnadenlosen Reiter-Milizen der Dschandschawid (oder Janjaweed) heißt es: "Für ihre Überfälle auf die Zivilbevölkerung benötigen sie keine kostspieligen Waffensysteme aus dem Ausland, sondern können Angst und Schrecken auch mit Jahrzehnte alten G3-Gewehren aus deutscher Lizenzproduktion verbreiten, die in großen Mengen überall im Sudan verfügbar sind" (Gesellschaft für bedrohte Völker: Darfur stirbt).

Time schrieb über die Janjaweed Militias: "Even their name is something of a mystery, alternately translated as "devil on horseback" and a conflation of the Arabic words for horse and the G3 (Gewehr 3) assault rifle."

Das Gewehr eines Reiters auf einem Foto zum Text ist allerdings eindeutig kein G3, sondern eine Kalaschnikow:

[Janjaweed]
PHOTOGRAPH by ESPEN RASMUSSEN/AFP

Eine arabische Wortverbindung von "Pferd" und "G3" ist wohl eher spekulativ. Auch Wikipedia sieht dafür keinen Beweis. Aber die weltberühmten G3-Gewehre sind auf jeden Fall im blutigen Spiel: BBC zitiert einen Beobachter der Afrikanischen Union (2004): "These weapons (used by the Janjaweed) are G3, you know, AK47 and all that. They are not traditional weapons that anybody can lay hands on." - Auch wenn diese Gewehre langsam in die Jahre kommen, haben sie eine ganz andere Wirkung als die traditionellen Waffen dieser Gegend.

BITS (das Berlin Information-center for Transatlantic Security) berichtet im Juni 2007 unter dem Titel "Internationaler Strafgerichtshof: Haftbefehl wegen G3-Lieferungen an Janjaweed":

"Chefankläger Luis Moreno-Ocampo wirft dem sudanesischen Staatsminister für humanitäre Angelegenheiten (!) Mohamed Ahmed Harun u.a. vor, die Janjaweed-Milizen mit G3-Sturmgewehren aufgerüstet zu haben. Im vergangenen Monat erließen die Richter Haftbefehl."

"Das G3 hat eine ebenso lange wie unselige Tradition in Darfur. Bereits 1966 meldete die bundesdeutsche Botschaft im Tschad, dass Waffen aus der BRD bei Gefechten an der Grenze zum Sudan benutzt wurden. Die Militärs in Khartoum hatten bis dahin knapp 30.000 G3 über Bonner Rüstungshilfen erhalten. Der Tschad wiederum war von dem berüchtigten Waffenhändler Gerhard Mertins mit Tausenden G3 ausgestattet worden – mit Zustimmung des Auswärtigen Amtes."

Weitere Lieferungen aus Deutschland und Lizenznehmerstaaten folgten, insbesondere aus dem Iran.

"Leider erwähnen die deutschen Medien die massenhafte Verbreitung des G3 in Darfur so gut wie nie, dafür um so häufiger die allgegenwärtigen Kalaschnikows. Doch selbst von diesen dürften etliche aus Deutschland stammen. Die DDR lieferte Hunderttausende AK47 und AKM aus eigener Produktion an Äthiopien und Libyen, die ihrerseits die sudanesischen Rebellen unterstützten." (BITS)

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Wenn man bedenkt, was 1994 in Ruanda mit Keulen und Buschmessern vollbracht wurde, ahnt man, was erst möglich ist, wenn immer mehr Menschen überall auf der Welt Kalaschnikows, G3s und andere Gewehre in die Hände bekommen, die "leistungsfähiger" sind als jene, die den Soldaten des Zweiten Weltkriegs zur Verfügung standen. Neben der heutigen Bevölkerungsgröße schwach entwickelter Länder, die noch vor ein paar Jahrzehnten weltpolitisch kaum beachtet wurden, ist die Menge der dort vorhandenen, technisch fortgeschrittenen Waffen ein entscheidender Unterschied gegenüber früher.

Neben Gewehren und anderen "Kleinwaffen" geht es dabei auch um größeres Kriegsgerät, mit dem auch hierzulande so mancher seinen Reibach macht.

[ Fortsetzung in Teil II ]
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[ Nach oben (Anfang von Teil I) ]

Teil II (Vom Leo bis zum Dolphin) und

Teil III (Tornados für Afghanistan?)




Schlussbemerkungen

Was symbolisiert den politischen Wandel der Welt seit 1945 besser als die deutschen Panzer für Polen und die deutschen U-Boote für Israel? (Siehe Teil II.) Aber wie die (für die Bundeswehr entwickelten) G3-Sturmgewehre oder die (auch in der DDR produzierten) russischen Kalaschnikows in den Händen afrikanischer Kindersoldaten (s. o.) zeigen sie auch, dass der Krieg, wenn nicht "der Vater aller Dinge" (wie Heraklit um 500 v. Chr. meinte), so doch der blutrote Faden der Menschheitsgeschichte geblieben ist. Vom ewigen Frieden Immanuel Kants (1795) ist die heutige Menschheit weit entfernt.

Über aktuelle Kriege und bewaffnete Konflikte informiert z. B. die Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF). - Siehe auch GlobalSecurity.org: The World at War - oder auch die Website "Defend America" des US-Verteidigungsministeriums mit "News About the Troops on the Frontlines in the Global War on Terrorism".

Die Welt im Krieg? Für manche (wie z. B. den ehemaligen CIA-Direktor Woolsey) ist es bereits der "Vierte Weltkrieg" nach den beiden Weltkriegen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und dem anschließenden Kalten Krieg.

Wer sich trotzdem nicht in Weltkriegs- oder Weltuntergangsstimmung versetzen lassen will, mag sich an die Worte von Innenminister Schäuble in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 16. September 2007 halten. Auf die Frage: "Fürchten Sie, dass es irgendwann einen terroristischen Anschlag gibt, der in keines der bisher bekannten Muster passt?" (siehe FAZ.NET), antwortete der Bundesinnenminister:

"Natürlich, die Gefahr ist da. Erinnern Sie sich an die Zeit unmittelbar nach dem 11. September, als die Angst existierte, nun könnten chemische oder biologische Anschläge folgen. Einen vollständigen Überblick haben wir auch heute nicht. Die größte Sorge aller Sicherheitskräfte ist, dass innerhalb des terroristischen Netzwerkes ein Anschlag mit nuklearem Material vorbereitet werden könnte. Viele Fachleute sind inzwischen überzeugt, dass es nur noch darum geht, wann solch ein Anschlag kommt, nicht mehr, ob. Wir sind bedroht und bleiben bedroht. Aber ich rufe dennoch zur Gelassenheit auf. Es hat keinen Zweck, dass wir uns die verbleibende Zeit auch noch verderben, weil wir uns vorher schon in eine Weltuntergangsstimmung versetzen."

Diesen schon ein wenig makabren "Aufruf zur Gelassenheit" werteten Kritiker als unverantwortliche Panikmache. Bei Anne Will (ARD, 23.9.2007) wandte sich Schäuble heraus: "Ich habe nicht gesagt, es sei nur eine Frage der Zeit, bis ein Anschlag mit einer schmutzigen Bombe erfolgen kann (...). Ich habe gesagt, die Sicherheitsexperten sagen weltweit seit vielen Jahren, dass sie damit rechnen."

In derselben Fernsehsendung meinte allerdings Avi Primor, der (1935 in Tel Aviv geborene) frühere israelische Botschafter in Berlin (dessen ausgesprochen deutschfreundliche Gesinnung stark auf die Freundschaft mit dem schon erwähnten Claus von Amsberg, dem ehemaligen Hitlerjungen und Flak-Helfer und späteren Diplomaten und Prinzgemahl der niederländischen Königin zurückgeht) mit drastischen Worten: "Wir leben alle im Kriegszustand, es herrscht Krieg - ein Weltkrieg. Der Krieg gegen Weltterrorismus ist ein Weltkrieg."

Vielen mag das maßlos übertrieben erscheinen und allein schon im Hinblick auf die annähernd zehn Millionen Toten im WK I und die über 55 Millionen Toten im WK II sollte man mit dem Begriff "Weltkrieg" nicht allzu schnell bei der Hand sein.

Aber vergessen wir nicht, dass noch immer der am 12. September 2001 ausgerufene NATO-Bündnisfall gilt, aufgrund eines "bewaffneten Angriffs" gegen die USA, der gemäß Artikel 5 des Nordatlantikvertrages von den NATO-Staaten als Angriff gegen alle gewertet wurde, ein Fall, der während des ganzen, langen Kalten Krieges nicht ein einziges Mal eingetreten war, nun aber schon ein Dauerzustand geworden ist, der von Kritikern als "Bündnisfall für immer" in Frage gestellt wird, und - so kurios das klingt - mittlerweile schon länger dauert als der gesamte Zweite Weltkrieg.

Ein Schulterschluss gegenüber dem (Welt-)Terrorismus - dem großen Feindbild des noch jungen 21. Jahrhunderts, in dem schon im ersten Jahr die protzigen Türme des "Welthandelszentrums" einstürzten. Aber der Terrorismus ist kein Gegner, sondern eine Methode zu kämpfen. "Terrorismus ist eine Methode des Kampfes Schwächerer gegen Stärkere" (Egon Bahr: "Deutsche Sicherheitsinteressen im 21. Jahrhundert" in: Sicherheit und Frieden, Ausgabe 1 - 2007).

Eine grausame und rücksichtslose Methode, wenn nicht sogar eine verbrecherische bzw. kriegsverbrecherische. So könnte man es sehen und dann wäre auch der "11. September" ein großes Kriegsverbrechen gewesen - in einem asymmetrischen Krieg. Die Antwort auf dieses Verbrechen bzw. Kriegsverbrechen war wiederum Krieg. Viele meinen: ein notwendiger, gerechtfertigter Krieg (und in diesem Sinne segnete ja auch das Bundesverfassungsgericht den umstrittenen Tornado-Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan ab).

Doch schon der kriegserfahrene amerikanische Schriftsteller Hemingway hatte gemeint:

Never think that war, no matter how necessary, nor how justified, is not a crime.

Glaube nur nicht, dass Krieg - egal wie notwendig oder berechtigt - kein Verbrechen ist.


Aber was ist die Alternative, wenn ganze Länder im Chaos versinken und die "Weltordnung" langsam aus den Fugen gerät? Trotz oder vielleicht sogar infolge der so genannten Globalisierung, einer zu einseitig wirtschaftlichen Globalisierung, die in eine "Verwirtschaftlichung des Globus" auszuarten droht, unter der die kulturelle und philosophische Weiterentwicklung der Menschheit verkümmert.

Jener vermehrungsfreudigen Spezies von bald sieben Milliarden Exemplaren auf dem kleinen blauen Planeten, die meisten in bedrückender Armut, viele von Hunger und Wassermangel und zunehmend auch von menschengemachten Naturkatastrophen bedroht, die einige Regionen härter treffen werden als andere.

Überraschend wurde der Friedensnobelpreis 2007 für den Einsatz gegen den globalen Klimawandel verliehen. (Er ging zu gleichen Teilen an den UN-Klimarat IPCC und den früheren US-Vizepräsidenten Al Gore.) In der Begründung bemerkte das norwegische Nobelkomitee:

"Ausgedehnte Klimaveränderungen können die Lebensbedingungen für einen großen Teil der Menschheit ändern und bedrohen. Sie könnten Migrationsbewegungen in großem Maßstab und eine schärfere Konkurrenz um die Ressourcen der Erde auslösen. Solche Veränderungen werden vor allem den schwächsten Ländern der Welt schwere Lasten auferlegen. Es könnte eine stärkere Gefahr von gewalttätigen Konflikten und Kriegen zwischen oder innerhalb von Staaten geben."


So könnte "Mutter Natur" gemeinsam mit dem "Vater aller Dinge" zurückschlagen - gegen die explodierende Weltbevölkerung::

1950  -  1960  -  1970  -  1980  -  1990  -  2000  -  2010  -  2020  -  2030  -  2040  -  2050
2,5 3,0 3,7 4,5 5,3 6,1 6,9 7,7 8,3 8,8 9,2  Milliarden Menschen


Was bedeutet da noch das feierliche Versprechen der Deutschen, niedergelegt in ihrer Verfassung von 1949:

 Dem Frieden der Welt zu dienen ?



http://www.pdwb.de/Dem_Frieden_der_Welt_zu_dienen.htm

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